Mit dem literarischen Adventskalender lade ich Sie / Euch auch in diesem Jahr wieder dazu ein, sich ein wenig Zeit zu nehmen, einmal am Tag ein Türchen zu öffnen und zu lesen, wie die Geschichte weitergeht...

 

 

 

 

Die zauberhafte Hütte im Wald

 

Eine Weihnachtsgeschichte,

erzählt von Jutta Hollenbach

 

 

 

 

 

Einleitung

Noch heute ist die Hütte im Wald ein Ort, den man nur findet, wenn man sich verirrt hat. Niemand weiß den Weg dorthin und doch finden alle, die dort einmal waren, zurück nach Hause. Manche sagen, es läge ein Zauber auf dieser Hütte. Manche wiederum behaupten, diese Hütte sei einfach nur ein Hirngespinst. Die, die dort gewesen sind, sprechen nicht darüber und so bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als sich an jene Geschichte zu halten, die bereits seit langer Zeit die Runde macht und von der niemand weiß, wer sie damals in Umlauf gebracht hat...

 

1. Dezember

Das einzige, worüber kein Zweifel bestand war, dass es einmal einen jungen Mann gegeben hat, der von einem Tag auf den anderen vom Erdboden verschwunden war. Ausgerechnet in der Zeit vor Weihnachten habe es sich zugetragen, dass der gerade mal Neunzehnjährige nicht mehr aufzufinden war. Seine Familie war mehr als verzweifelt gewesen, als der Junge länger ausblieb als sonst. Fragen über Fragen stürzten auf sie ein, während die Antworten ausblieben. Alle im Dorf hatten helfen wollen und mit vereinten Kräften wurde nach dem Vermissten Ausschau gehalten. Dann jedoch, am ersten Weihnachtsfeiertag, war der junge Mann wieder aufgetaucht, verwundert darüber, dass sich alle Welt Sorgen um ihn gemacht hatte. Die Empörung über das Verhalten des Grünschnabels war groß und wie immer konnte nur eines die hitzigen Gemüter wieder besänftigen: Etwas, das man sich erzählen konnte - eine Geschichte. Die Geschichte von Endris.

 

2. Dezember

Seit Stunden bereits streift Endris durch den Wald. Er möchte allein sein, einen klaren Kopf bekommen und endlich herausfinden, wo es in seinem Leben hingehen soll. In den Augen seiner Eltern liest er bereits seit langem, dass sie von ihm erwarten, sich zu entscheiden - für eine Ausbildung, ein Studium, eine Lehre oder wenn es sein muss, auch für eine Weltreise. Egal, nur entscheiden solle er sich. Endris fühlt sich überfordert. So viele Möglichkeiten und nichts davon erscheint ihm so verlockend, als dass er sein Leben danach ausrichten würde.  Aber stimmte das überhaupt? Hält das Leben tatsächlich unzählige Möglichkeiten bereit? Wenn ja, wie sollte er bloß herausfinden, welche die richtige ist? Oder sind alle richtig, Hauptsache, er entschied sich für eine? Vielleicht gab es ja nur unterschiedliche Wege, letztlich aber nur ein Ziel? Welches Ziel jedoch könnte das nun wieder sein und wie ist es bei anderen? Verfolgt jeder Mensch sein eigenes Ziel, oder teilen alle Menschen ein und dasselbe Ziel und wählen einfach nur unterschiedliche Wege?

 

3. Dezember

Genau solchen Gedankenkarussellen möchte Endris mit seinem Streifzug durch den Wald eigentlich ein Ende bereiten, aber selbst hier, inmitten seiner geliebten Bäume, finden seine Gedanken keinen Halt. Ärger steigt in ihm auf und gleichzeitig Angst, er könne all dem nicht gewachsen sein. Was hatte er in seinem Leben bislang schon vollbracht? Bei allem haben seine Eltern ihm geholfen, haben hinter ihm gestanden und Wege geebnet, die er noch nicht einmal hatte begehen wollen. Er ist ihnen dankbar, weiß aber, dass er sich nicht länger auf sie verlassen möchte. Er muss lernen, sich auf sich zu verlassen, sich zu vertrauen. Nur - wie würde das, so ganz ohne Plan, ganz ohne Ziel, gehen? Was will er? Was erfüllt ihn? Was ist seine Stärke, seine Fähigkeit? Würde er wirklich alles alleine stemmen müssen? Und wie sieht dieses Alles überhaupt aus?

 

4. Dezember

Von all dem Wirrwarr in seinem Kopf abgelenkt, merkt Endris nicht, dass er nicht mehr recht mitbekommt, wo genau er sich gerade befindet. Schon vor einiger Zeit hat er den vertrauten, vorgegebenen Pfad verlassen und wandelt nun über Wurzeln hinweg, unter Baumkronen hindurch, geradewegs auf etwas zu, das ihn anlockt. Nur vage nimmt er unter all den vorlauten Gedankengängen zarte Klänge wahr, doch dies Klänge sind da, heben sich hervor und je mehr sie ihm bewusst werden, umso mehr heben sie auch in ihm etwas hervor, etwas sehr... Er kann es nicht benennen. Endris bleibt stehen. Am liebsten möchte er sich an Ort und Stelle ausruhen, doch irgendetwas stupst ihn innerlich an weiterzugehen.

 

5. Dezember

"Sei gegrüßt, Endris. Schön dich zu sehen!" Der junge Mann fährt herum. "Komm, lass uns ein paar Schritte miteinander gehen." Nicht weit von Endris entfernt, steht eine Frau. Sein Herz beginnt zu klopfen. Ja, sicher, er ist erschrocken, doch andererseits auch wieder nicht. Komisch. Das hier fühlt sich mehr als eigenartig an, befremdlich einerseits, doch auch ganz natürlich. Fakt ist: er befindet sich in einem Wald und ist einer Frau begegnet, die vom Alter her seine Mutter sein könnte. Was ist schon dabei? Woher aber weiß diese Frau seinen Namen und warum scheint sie ihn zu kennen und viel erstaunlicher - warum scheint auch er sie zu kennen? Woher? Irgendwie sieht sie jemandem ähnlich, aber wem? Eigentlich eine ganz normale Frau, mit einem freundlichen Blick, einer recht angenehmen Stimme und seltsam gekleidet ist sie auch nicht. Endris kann nichts Bedrohliches an ihr finden.

 

6. Dezember

"Komm, ich möchte dir etwas zeigen und es gibt noch einiges zu klären." Die Frau hatte geduldig gewartet. Sie hat sehr wohl bemerkt, dass der junge Mann Zeit benötigt, um sich in dieser überraschenden Situation zu orientieren. Jetzt aber gilt es hier nicht länger zu verweilen. Morgen beginnt die Adventszeit und Endris muss noch auf einiges vorbereitet werden, damit er den Aufenthalt in der Hütte richtig einordnen und verarbeiten kann. Beherzt geht sie einen Schritt auf ihn zu, um dann im nächsten Moment mit ihm gemeinsam den Weg zur Hütte einzuschlagen. "Weißt du, es ist nicht ungewöhnlich, dass ein junger Mann in deinem Alter sich erst im Leben zurechtfinden muss." Endris bleibt stehen. Fassungslos sieht er die Frau an und ist sich nicht sicher, ob diese Worte aus ihrem Mund kamen, oder so eine Art Nachhall seiner jüngsten Gedanken waren. "Was macht es schon für einen Unterschied, von woher Worte zu dir dringen - von außen oder von innen - wichtig ist doch, welche Bedeutung du ihnen gibst, meinst du nicht?" Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, da Endris keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Nur noch beiläufig nimmt er wahr, wie sich sein Körper wieder in Bewegung setzt, wie er zu der geheimnisvollen Frau aufschließt und gebannt auf das hört, was sie ihm zu sagen hat:

 

7. Dezember

"Gut, dann kann ich dich nun in das einweihen, was dich die kommenden drei Tage erwarten wird. Nicht weit von hier entfernt ist eine Hütte, zu der ich dich nun begleite. Dort trennen sich unsere Wege. Bitte, versuche nicht, dies alles zu verstehen. Wichtiger ist, dass du dir selbst zu vertrauen beginnst, richtig? Die nächsten drei Tage halten eine Fülle wertvoller Hinweise für dich bereit, sei also wachsam. Am ersten Tag wirst du im Wald sieben Tieren begegnen, die dir deine Stärken offenbaren. Diese Stärken zu achten und zu kultivieren, kann dir das Leben um einiges leichter machen. Am zweiten Tag wirst du in der Nähe der Hütte sieben Botschaften finden. Eigentlich sind es keine Botschaften, sondern Fragen, die du dir so oder anders selbst schon einmal gestellt hast. Vermeide es, sofort und endgültig eine Antwort auf die jeweilige Frage finden zu wollen. Lass die Worte vielmehr in dich einsinken und fortan dein Leben begleiten. Du wirst sehen, mit der Zeit wird sich der eine oder andere Schleier wie von alleine lüften. Am dritten Tag bleibst du in der Hütte. Dies ist der schwierigste Tag, denn es gilt in diesen Stunden wiederum sieben Kräften ins Auge zu schauen, die in deinem Leben die größten Hürden darstellen. Fürchte dich nicht, alles ist zu deinem Besten. Danach kannst du den Heimweg antreten. Du wirst den Weg finden. - So, wir sind da. Siehst du die Hütte da vorne? Gehe nun alleine weiter und sieh dich nicht mehr nach mir um. Lebe wohl, Endris."

 

8. Dezember

Wie in Trance geht Endris auf die Hütte zu. Er weiß, dass die Frau ihm nachsieht, doch nichts in der Welt könnte ihn dazu bewegen, sich noch einmal umzudrehen. Fast scheint es ihm, als ob ihm dies gar nicht möglich wäre. Langsam setzt er einen Fuß vor den anderen und bemerkt erst jetzt, dass der Weg zur Hütte von zahlreichen Windspielen gesäumt ist, die wie zufällig eine Melodie erklingen lassen. Das also war das Geräusch, das er gehört hatte und von dem ein unwiderstehlicher Zauber ausgegangen war. Nur noch ein paar Schritte und er hat die Hütte erreicht. Andächtig bleibt er vor der Tür stehen und legt behutsam eine Hand auf die Klinke. Der erste Blick in den Raum versetzt ihn erneut in Erstaunen. Alles sieht so einladend aus: ein kleiner runder Tisch in der Mitte des von Licht durchfluteten Raumes, zwei Holzstühle, ein großer Sessel, ein Bett mit Decken und einer Menge bunter Kissen, ein Kleiderschrank. Soweit so gut. Wer aber bitte hat die Kerze auf dem Tisch angezündet und ein Feuer im Holzofen entfacht? Wo kommen all das Obst, die Nüsse und das lecker duftende Brot her? Nun, die drei angekündigten Tage würde er wohl ohne Probleme überstehen und seine Familie weiß um seine tagelangen Rückzüge. Jedoch, möchte er überhaupt hierbleiben und sich dem stellen, was ihm geweissagt wurde?

 

9. Dezember

Als ob diese Frage seine Trance aufgelöst hat, kommen ihm nun auch alle weiteren Fragen in den Sinn, die ihm seit der Begegnung im Wald auf der Zunge lagen, die aber partout nicht über seine Lippen hatten kommen wollen. Jetzt wird ihm auch bewusst, dass er kein einziges Wort mit dieser wundersamen Frau gesprochen hat. Er hatte ihr noch nicht einmal gedankt, sich nicht verabschiedet. Nichts, rein gar nichts hatte er gesagt, dabei war sie ihm bei allen Befremdlichkeiten doch so vertraut vorgekommen. Endris lässt sich am Tisch nieder und legt seinen Kopf in seine Hände. Unvermittelt füllen sich seine Augen mit Tränen. Er versteht die Welt nicht mehr und es tut ihm gut, den Tränen freien Lauf zu lassen.

 

10. Dezember

Die Nacht war schneller hereingebrochen als gedacht und so hatte der junge Mann keine Wahl gehabt. Er musste bleiben. Ohne sich auszuziehen, hatte er sich ins Bett gelegt und war sofort eingeschlafen. Jetzt, am Morgen danach, wird er von einem Geräusch geweckt, das er im ersten Moment nicht zuordnen kann. Endris versucht mit geschlossenen Augen herauszufinden, was es sein könnte. Die Quelle des Geräusches scheint ganz in seiner Nähe zu sein. Was aber, wenn er die Augen aufmacht und womöglich wieder irgendein Mensch vor ihm steht? Es hilft alles nichts. Er muss es wagen. Vorsichtig beginnt Endris zu blinzeln und sieht, wie sich ein rotbraunes Eichhörnchen an den Nüssen auf dem Tisch zu schaffen macht. Er ist mehr als erleichtert und ohne sich zu rühren, beobachtet er das kleine Tier, wie es sich die Backen vollstopft.  

 

11. Dezember

Während das Eichhörnchen sich vollkommen ungeniert auch über die anderen Vorräte in der Hütte hermacht, kommt Endris in den Sinn, dass der erste von drei Tagen angebrochen ist, der Tag, an dem ihm sieben Tiere begegnen würden. Das Eichhörnchen, wie auch immer es in die Hütte hereinkommen konnte, ist offenbar das erste Tier, das jetzt allerdings schleunigst in seine Schranken gewiesen werden muss, bevor es alle Vorräte anknabbert. Wie erstarrt bleibt das kleine Tier sitzen, als sich Endris behutsam vom Bett erhebt und langsam in Richtung Tür geht, sie öffnet und dann zur Seite tritt. Das Eichhörnchen beobachtet jede Bewegung und als der Weg frei ist, huscht es, mit einer großen Nuss im Mund, blitzschnell ins Freie. Endris muss lachen. Das kleine Tier hat ihn erheitert.

 

12. Dezember

Es ist ein nebliger Tag, typisch für Anfang Dezember eben. Ein Tag, der nicht gerade dazu einlädt, hinauszugehen und doch wird Endris nichts anderes übrig bleiben, wenn er auch den anderen Tieren begegnen möchte. Es würden wohl kaum auch noch Hirsche oder Wölfe in die Hütte kommen. Er macht sich auf den Weg. Allzu weit möchte er sich nicht entfernen und seine Unterkunft am liebsten im Blick behalten. Bei den wundersamen Dingen, die ihm bereits widerfahren sind, weiß man ja nie. Immer wieder sieht er sich um und bemerkt, dass er sich erstaunlich weit entfernen kann, ohne die Hütte aus dem Blick zu verlieren.

 

 

Fortsetzung folgt am 13.12.2018

 

 

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© Jutta Hollenbach menschsein